Sintiweb / Yanko Weiss:
„Natascha Winter, sind Sie Zigeunerin?“
Natascha Winter:
„Ja, ich bin eine echte Zigeunerin, beide Elternteile waren Zigeuner. Ich gehöre dem Volk der Sinti an, genauer gesagt, ich bin von den Württembergern. Das ist ein uralter Sinti-Stamm, der sich nach der Auswanderung aus Indien und seiner Ankunft im deutschsprachigen Raum in Württemberg angesiedelt hat. Mein Stammvater war der erste Zigeuner, der vom damals regierenden Fürsten Bürgerrecht erhalten hat. Württemberg war zu dieser Zeit noch Fürstentum. Die Geschichte meines Urahns, auch ein Winter, ist in einer württembergischen Chronik überliefert.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Macht Ihnen dieses Prädikat keine Bauchschmerzen oder können Sie damit gut leben und warum, viele andere können es anscheinend nicht?“
Natascha Winter:
„Nein, dies macht mir keine Bauchschmerzen, im Gegenteil. Ich bin glücklich und stolz, Zigeunerin zu sein. Glücklich, weil ich zu einer Vielvölkergemeinschaft gehöre, die trotz ihrer Vielfalt und Verschiedenheit Solidarität und Hilfsbereitschaft ihren Angehörigen entgegen bringt, ungeachtet der Nationalität oder des sozialen Standes. Als Zigeunerin habe ich überall, wo Zigeuner leben, Freunde und Hilfe über Länder und Kontinente hinweg. Stolz, Zigeunerin zu sein bin ich, weil Sinti, Manusch, Kale, Romm und andere Zigeuner Werte bewahrt haben, die andere Völker längst verloren haben. Auch ich gebe Werte eines Teils der Zigeuner weiter, die meines Volkes der Sinti, die mir von meiner Familie und anderen Stammesangehörigen überliefert wurden, auch wenn dies oft große Probleme mit sich bringt, weil gesellschaftliche Intoleranz einen dauernden Assimilierungsdruck ausübt und unsere Jahrtausende alte Kultur, insbesondere für sozial Schwache, nicht oder nur mit größten Schwierigkeiten lebbar ist. Dass ich trotz äußerer Widrigkeiten die Werte meines Volkes weiter gebe und somit dazu beitrage, dass sie nicht verloren gehen, deshalb bin ich stolz.
Im weiteren Teil Ihrer Frage deuten Sie an, dass viele andere mit dem Prädikat Zigeuner Probleme haben. Diese Meinung teile ich nicht. Meine Erfahrungen als Zigeunerin sind andere. Die Bezeichnung Zigeuner war für die Zigeuner selbst kein Thema, sie haben sich gegenüber Außenstehenden selbst so bezeichnet. Dies kann man auch Jahrhunderte alten Aufzeichnungen und Chroniken entnehmen, wenn man den Schilderungen unserer Alten nicht glauben will.
Die Eigenbezeichnungen der verschiedenen Zigeunervölker war und ist den Zigeunern selbst vorbehalten. Dies aus Gründen der bestehenden Tabus und untereinander bestehenden Meidungsvorschriften.
Bedauerlicherweise hat sich seit einigen Jahren eine Subkultur von Vereinsfunktionären gebildet, die diese Tabus und Meidungsvorschriften leugnen. Der überwiegende Teil dieser Personen sind keine Vollzigeuner und sie fühlen sich daher an die bestehenden Tabus nicht gebunden. Außerdem bezeichnen sie jeden als Rassisten, der die Bezeichnung Zigeuner verwendet. Auch die eigenen Leute werden nicht von diesem Vorwurf verschont. Eine Reihe von Nichtzigeunern, die sich ebenfalls in Zigeunervereinen engagiert haben oder sie sogar führen, vervollständigen diese negativen Erscheinungen und sind päpstlicher als der Papst.
Diese Vereinsfunktionäre sind u. a. der Auffassung, dass durch die Änderung der Begrifflichkeit Zigeuner in die ausgrenzende Bezeichnung Sinti und Roma, die aus ihrer Sicht mitunter bestehenden negativen Assoziationen, die mit der Bezeichnung Zigeuner in Verbindung gebracht werden, ausgeräumt werden können. Wir von der Sinti Allianz Deutschland meinen, dass nicht die Bezeichnung Zigeuner geändert werden muss, sondern es muss sich die Einstellung Zigeunern gegenüber ändern. Eine positive Einstellung zu uns und unserer Kultur erreichen wir nicht, in dem wir leugnen, Zigeuner zu sein.
Glücklicherweise sind diejenigen, die sich als Zigeuner verleugnen in der Minderheit, gemessen an der Gesamtheit der Zigeuner. Zu bedauern ist jedoch, dass diese Minderheit von Vereinsfunktionären über die Medien die Öffentlichkeit erreichen und somit ein völlig falsches Bild verbreiten. Die schweigende Mehrheit der Zigeuner hat keine Öffentlichkeit und ist dem unseriösen Treiben ohnmächtig ausgeliefert.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Warum liegt Ihnen soviel daran, dass die Aussage “... die als Zigeuner verfolgt, usw.“ in den Gesamttext der Mahnmalsinschrift aufgenommen wird?“
Natascha Winter:
„Weil die Beschränkung der Erinnerung an Sinti und Roma hunderttausende anderer Zigeuneropfer aus der Geschichte und dem Gedenken ausgrenzt, die weder den Sinti noch den Romm-Zigeunern zuzuordnen sind sondern anderen Zigeunervölkern angehörten.
Hier möchte ich den von Opfergruppen, Historikern und Politikern viel zitierten Schnellbrief von Heinrich Himmler, den sog. Auschwitzerlass vom 16.12.1942 erwähnen, aus dem hervorgeht, dass auch noch andere Zigeuner neben den bereits Erwähnten, Opfer der Nazis wurden. Darüber hinaus soll das Gedenken allen Menschen gelten, die unter der Nazi-Diktatur wegen ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit zum Personenkreis der Zigeuner gezählt und dadurch verfolgt wurden, beispielsweise die ethnisch nicht zu den Zigeunern gehörenden Jenischen, die als auf zigeunerart Umherziehende verfolgt und von denen unzählige ermordet wurden.
Die leidige Diskussion wie sie jetzt stattfindet wieviele Opfer wir zu beklagen haben, ob die Verfolgung der Zigeuner gleich zu setzen ist mit der Shoa ist unwürdig. Sie beleidigt die Opfer und verletzt die Überlebenden. Sie ist auch unerträglich für die Nachkommen. Wir von der Sinti Allianz Deutschland haben uns an dieser perfiden Diskussion nicht beteiligt.
Für uns ist es völlig unerheblich, aus welchen Gründen unsere Verwandten zu Tode gequält wurden. Unsere Auffassung ist, wenn Menschen das Gleiche erlitten haben, muss es auch gleich bewertet werden. Unsere Gesellschaft war den Opfern ein gemeinsames Mahnmal schuldig. Dass es nicht realisiert wurde, ist ein Armutszeugnis für unsere gesamte Gesellschaft. Es hätte nachträglich keine Trennung der Opfer geben dürfen. Sie haben das Brot und das Leid miteinander geteilt, sie sind gemeinsam in den Tod getrieben worden. Man hätte ihnen auch gemeinsam gedenken müssen.
Die Mitglieder der Sinti Allianz Deutschland und alle ihr nahe stehenden möchten nicht den gleichen Fehler machen und irgend ein Opfer ausgrenzen, wir möchten keine Hierarchie der Opfer. Unser Ziel ist es, dass ein würdiges Gedenken allen Zigeuneropfern, die unter der Nazi-Diktatur verfolgt wurden, ermöglicht wird. Deshalb plädieren wir für “... als Zigeuner verfolgt, usw.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Hat man Sie missverstanden, denn für viele ist das Wort Zigeuner eine Fremdbezeichnung und ein Schimpfwort?“
Natascha Winter:
„Ich weiß nicht, ob man mich missverstanden hat, oder ob einige Vereinsfunktionäre mich aus vereinspolitischen Gründen missverstehen wollen.
Ich würde mich und andere nicht als Zigeuner/Zigeunerin bezeichnen, wenn dies von unseren Eltern und Vorfahren als abwertend oder beleidigend empfunden worden wäre.
Die Bezeichnung Zigeuner wird nach unserer Erfahrung von der Mehrheit der Betroffenen weder als abwertend noch als rassistisch empfunden und von der Gemeinschaft gegenüber Außenstehenden, wie bereits erwähnt, selbst verwandt.
Als Beweis für die Richtigkeit unserer Ausführungen möchte ich u. a. darauf verweisen, dass selbst Überlebende der Nazi-Diktatur den Begriff Zigeuner in ihren Biographien als wertfreien neutralen Überbegriff verwenden und auf Grabmalen wird die Bezeichnung Zigeuner häufig als Inschrift gewählt.
Die eineinhalbtausend Jahre alte historisch gewachsene Bezeichnung Zigeuner wurde von unserer Gemeinschaft bewusst gewählt, da durch den in den letzten Jahren lediglich in Deutschland verwendeten Begriff Sinti und Roma (statt Zigeuner) nicht die Gesamtheit der von den Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten Europas verfolgten Zigeuneropfern dargestellt wird.
Das Argument, Zigeuner sei eine Fremdbezeichnung und deshalb abzulehnen, ist kein überzeugendes Argument, da die Bezeichnung Sinti und Roma für andere Zigeuner, die keinem dieser beiden Völker angehören, auch eine Fremdbezeichnung ist.
Zigeuner ist nun mal mangels eines neutralen, von allen Zigeunern akzeptierten Überbegriffs die einzig richtige historisch korrekte Bezeichnung, auch wenn dies einigen wenigen missfällt. Es ist aus unserer Sicht ein nicht wieder gut zu machender Fehler, wenn aus vereinspolitischer Taktiererei der Versuch gemacht wird, die Geschichte zu missachten und zu verfälschen.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Wenn Sie das Wort, bzw. den Text “...die als Zigeuner verfolgt, usw.“ verwendet wissen möchten, was bedeutet das für Sie im Klartext?“
a)
Einschluss all derer, die mit Ihnen zusammengelebt haben, beispielsweise aus Neigung oder durch Heirat, denn auch diese wurden ja z. T. “als Zigeuner“ verfolgt?
b)
Einschluss auch der Jenischen?
c)
Einschluss aller Fahrenden unter der Bezeichnung “...die als Zigeuner verfolgt, usw.“, nach dem Motto: “Solidarität der Landstraße?“
Natascha Winter:
„Ich denke, dass ich diese Frage im Vortext bereits beantwortet habe. Wir haben ja die Formulierung “...als Zigeuner verfolgt, usw.“ bewusst gewählt und sie mit Sachargumenten mit Erfolg vertreten, zumindest bei Frau Staatsministerin Weiss, den parteipolitischen Sprechern der vier Fraktionen im Deutschen Bundestag und bei Bundestagspräsident Thierse.
Die Nazis haben keinen Unterschied gemacht und wir dürfen aus Respekt vor den Opfern auch keinen machen. Wenn sich die Befürworter der ausgrenzenden Formulierung Sinti und Roma durchsetzen sollten, tragen auch diese die Verantwortung, die Geschichte verfälscht und hunderttausende Opfer bewusst, vorsätzlich und wider besseren Wissens missachtet zu haben. Sie machen sich ebenso schuldig wie die, die ein gemeinsames Mahnmal für die Opfer der Nazidiktatur verhindern und eine Hierarchie von Opfern erster und zweiter Klasse errichten wollen.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Zum Schluss eine letzte Frage zu diesem Thema: Wäre ein Kompromiss Ihrer Meinung nach möglich und wie könnte dieser aussehen?“
Natascha Winter:
„Ich glaube nicht nur, dass ein Kompromiss möglich ist, sondern wir sind es den Opfern und den Nachkommen schuldig, einen zu finden. Wir haben uns immer im Interesse einer Kompromisslösung zu Gesprächen bereit erklärt, weil wir der Auffassung sind, dass niemand ein Monopol bezüglich des Mahnmals hat und haben darf. Wie ein Kompromiss aussehen könnte, da möchte ich dem anstehenden Gespräch am 13.06.05 diesbezüglich mit den politisch Verantwortlichen und den Dachverbänden nicht vorgreifen.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Nun noch einige kurze Fragen zu Ihrer Meinung im Hinblick auf den muttersprachlichen Unterricht für Minderheiten in der EG. In Ihrem Fall also das Romanes der Sinte:
Ist der Unterricht Ihrer Meinung nach begrüßenswert, wenn ja/nein, warum?“
Natascha Winter:
„Die Aufnahme der Sprache Rommenes, insbesondere die Sprache der Sinti in die Europäische Sprachencharta Teil III empfinden wir als äußerst problematisch, da dies bis auf die beim “Zentralrat Deutscher Sinti und Roma e.V.“ engagierten Mitgliedsvereine, von den Betroffenen nicht gewünscht wird.
Wir sehen die Gefahr, dass mit der vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma beantragten Aufnahme der Sprache in Teil III der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen die Schutzmechanismen zur Wahrung unserer Kultur, wozu auch die Sprache gehört, ausgehebelt werden.
So ist beispielsweise in Artikel 3 des Rahmenübereinkommens vorgesehen, dass jede Person, die einer nationalen Minderheit angehört, das Recht hat, frei zu entscheiden, ob sie als solche behandelt werden möchte oder nicht....
Von staatlicher Seite darf und kann nicht geprüft werden, ob eine Person, die sich zu unserer Sinti-Gemeinschaft bekennt und unsere Sprache erlernen will, dieser auch tatsächlich angehört.
Es ist somit nicht zu verhindern, dass sich Personen zu unserer Volksgruppe bekennen, die nicht unserer Ethnie angehören. Das Rahmenübereinkommen kann daher als Einbürgerungsartikel missbraucht werden.
Damit wäre der Zugang zu unserer Sprache Nichtzigeunern eröffnet, die dann mit staatlich finanzieller Unterstützung wissenschaftliche Feldstudien über unsere streng gehüteten kulturellen Eigenheiten betreiben können.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die Zugehörigkeit zur Sinti-Gemeinschaft überhaupt geklärt werden soll, wenn Privilegien aus der Sprachencharta eingefordert werden (Ariernachweis?) und in welchem Rahmen das Bekenntnis zur Minderheit dokumentiert werden soll (Sondererfassung? Eintrag im Personalausweis: der Inhaber dieses Ausweises ist Sinti und Roma?). Die Gründe, die gegen die Umsetzung der Sprachencharta nach Teil III in unserem Fall sprechen, wären beliebig fort zu führen.
Wir von der Sinti Allianz Deutschland haben uns generell gegen die Anwendung der Sprachencharta nach Teil III auf unsere Volksgruppe ausgesprochen. Ein Angebot des Sprachunterrichtes nach Teil III der Charta für Angehörige der Sinti in Rommenes durch Zigeuner-Lehrkräfte, wie ihn der "Zentralrat Deutscher Sinti und Roma e.V." wünscht, würde zunächst eine wissenschaftliche Bearbeitung der Sprache, Verschriftlichung und Standardisierung erfordern, damit Lehrmaterialien bereitgestellt und Lehrer ausgebildet werden können. Die Sprache der Sinti ist bisher schriftlos und demzufolge existiert keine eigene Literatur in der Muttersprache. Hier führen wir als Beispiel die burgenländischen Roma an, die eine derartige Verschriftlichung in Zusammenarbeit mit der Universität Graz durchgeführt haben. Dies ist aber von den Sinti nicht erwünscht, weil muttersprachlicher Unterricht in jeglicher Form mit der kulturellen Rechtsordnung der Sinti kollidieren würde. Nach der Rechtsordnung unseres Volkes ist es ausschließlich Aufgabe und Verpflichtung der Familien und übrigen Sippenangehörigen, die Sprache, Kultur und Wertvorstellungen der Sinti den nachfolgenden Generationen mündlich weiter zu geben. Dies ist ein Schutzmechanismus der gewährleistet, dass die Jahrtausende alte Kultur und die damit verbundene Identität nur an Sinti weitergegeben wird.
Wenn es Sinti gibt, die ihre Sprache nicht beherrschen auf diesbezügliche Gründe oder Versäumnisse möchte ich hier nicht eingehen ist dies kein Grund oder besser gesagt berechtigt dies niemanden, zu Gunsten Einzelner unsere uralten Gesetze zu missachten, oder sich aus Eigennutz darüber hinweg zu setzen und gegen den Willen der Mehrheit der Betroffenen, Mechanismen zu schaffen, die es Außenstehenden ermöglichen, unsere Sprache mit Hilfe staatlicher Gelder zu erlernen. Keinem Zigeuner wird es verwehrt, von seinen Angehörigen oder anderen Sinti seine Muttersprache zu erlernen. Es muss dafür aber kein staatliches Gesetz erlassen und mit staatlichen Geldern ein Anreiz für Missbrauch geschaffen werden.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Ist ein solcher Unterricht zum heutigen Zeitpunkt überhaupt schon möglich? Ich frage deshalb so genau, weil ich weiß, dass zwar das Romanes der Roma schon an einigen Universitäten gelehrt wird, ich aber noch nie etwas darüber erfahren konnte, ob es schon Lehrmittel, Literatur, also orthographische und grammatikalische Lehrbücher im Romanes der Sinte gibt.“
Natascha Winter:
„Nein, ein Unterricht in unserer Sprache ist nicht möglich, weil, wie Sie bereits anklingen ließen und auch von mir erwähnt wurde, es u. a. weder Literatur noch Lehrmittel, also orthographische und grammatikalische Lehrbücher, in der Sinti-Sprache gibt.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Wie ist Ihr Wissensstand zu diesem Thema? Gibt es Literatur in ausreichendem Maße im Romanes der Sinte?“
Natascha Winter: „Nein, es gibt keine ausreichende Literatur.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Will die große, noch schweigende Mehrheit der Sinte einen solchen Unterricht überhaupt?“
Natascha Winter:
„Ich kann dies mit hundertprozentiger Sicherheit verneinen, dass Sinti Unterricht oder sonstigen Gebrauch ihrer Sprache in Schulen, in der Verwaltung (Sozialamt oder Arbeitsagenturen), der Justiz (Polizei oder Gericht), in Ratssitzungen, in den Medien oder sonstigen öffentlichen Einrichtungen wünschen. Ich möchte hier mit aller Deutlichkeit darauf hinweisen, dass die Sprachencharta nach Teil III die im Vortext aufgezählten Möglichkeiten für jeden, der es wünscht, zugänglich macht. Es ist, milde ausgedrückt, unseriös, wenn von Vereinen behauptet wird, dass die in der Sprachencharta vorgesehenen Angebote nur für Sinti oder mit Sinti möglich sind.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Gibt es nach Ihrer Meinung, zum jetzigen Zeitpunkt, ausreichend geschultes Lehrpersonal, das das Romanes der Sinte überhaupt vermitteln kann?“
Natascha Winter:
„Es erübrigt sich eigentlich, noch darauf hinzuweisen, dass es kein Lehrpersonal für unsere Sprache gibt. Das weiß jeder Zigeuner.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Sind sich die Damen und Herren der EG-Sprachencharta Ihrer Meinung nach im Klaren darüber, dass es neben vielen kleinen Dialekten im Romanes auch zwei stark voneinander abweichende Hauptdialekte gibt, fast wäre ich geneigt, verschiedene Sprachen zu sagen, die sich mindestens so unterscheiden wie Deutsch und Niederländisch?“
Natascha Winter:
„Wir haben in den vergangenen Jahren, in unseren abgegebenen Stellungnahmen für die deutschen Gremien und in den Stellungnahmen dem Europarat gegenüber immer darauf hingewiesen, dass es keine einheitliche Sprache der Zigeuner gibt, dass das Rommenes eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Sprachen indischen Ursprungs ist und dass die Sprachen der westeuropäischen Zigeuner wie auch die der Romm-Zigeuner u. a. sich nochmals in unterschiedliche Varianten unterteilen. Unseren Ausführungen stehen die Behauptungen von Vereinsfunktionären gegenüber, die Rommenes als eine einheitliche Sprache darstellen und die Sprachencharta nach Teil III mit ihren umfangreichen finanziellen Möglichkeiten für sich nutzen wollen. Demzufolge ist eine Bewertung Dritter nicht einschätzbar.“
Sintiweb / Yanko Weiss:
„Frau Winter, wir danken Ihnen ganz herzlich für Ihre Bereitwilligkeit und Offenheit, unsere Fragen zu beantworten.“
Natascha Winter:
„Ich danke Ihnen.“